„Die Menschen kommen oft erschöpft an – nicht nur körperlich.“
Herr Zühlke, was fällt Ihnen als Erstes auf, wenn neue Patientinnen und Patienten zu Ihnen kommen?
„Die Anspannung“, sagt er nach kurzem Nachdenken. „Und damit meine ich nicht nur die Muskulatur. Viele sind innerlich angespannt, weil sie lange versucht haben, ihre Schmerzen einzuordnen. Sie haben Rücksicht genommen, sich angepasst, Dinge vermieden.“Gerade bei Hüftschmerzen sei das typisch. „Das Gelenk trägt uns durch den Alltag. Wenn dort etwas nicht mehr stimmt, verändert sich vieles – Bewegung, Schlaf, manchmal sogar die Stimmung.“
Verstehen, bevor behandelt wird
Zühlke beschreibt seine Arbeit nicht als schnelle Lösung, sondern als Prozess. „Ich möchte, dass Menschen verstehen, warum ihr Körper reagiert, wie er reagiert. Erst dann entsteht die Bereitschaft, ihm wieder zu vertrauen.“Ein wichtiger Baustein ist dabei die Erkenntnis, dass Hüftschmerzen häufig nicht primär durch das Gelenk selbst entstehen. „Sehr oft erleben wir ausgeprägte fasziale Überspannungen – also Spannungen im Bindegewebe, das Muskeln, Gelenke und Nerven verbindet. Sie sind in Röntgen oder MRT unsichtbar. Diese Überspannungen können über Jahre entstehen und erheblichen Druck auf empfindliche Strukturen ausüben.“
Orientierung durch einen Selbsttest bei Hüftschmerzen
Um Betroffenen bereits vor einem Termin eine erste Orientierung zu ermöglichen, hat Zühlke gemeinsam mit seinem Team einen ausführlichen Ratgeber mit einem Selbsttest bei Hüftschmerzen entwickelt.„Der Selbsttest ist kein Diagnoseinstrument“, betont er. „Aber er hilft vielen, ihren Schmerz einzuordnen. Zu spüren, welche Bewegungen reagieren, welche Positionen entlasten. Allein dieses Erkennen kann etwas verändern.“
Zum Thema
Was beobachten Sie besonders bei Menschen ab Mitte 40?
„Viele haben gelernt, sich mit weniger Beweglichkeit zu arrangieren.“
„Eine große Anpassungsfähigkeit“, sagt Zühlke. „Viele haben unbewusst Bewegungen reduziert, Strecken ausgelassen, Wege verkürzt. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern um den Schmerz zu umgehen.“Diese Anpassungen seien verständlich – aber langfristig problematisch. „Denn der Körper reagiert auf Schonung oft mit noch mehr Spannung. Genau hier setzen wir an.“
Abbau faszialer Überspannungen als Schlüssel
Die therapeutische Arbeit in der Praxis basiert auf dem gezielten Abbau faszialer Überspannungen. Zühlke erklärt, dass diese Spannungen häufig weit entfernt vom eigentlichen Schmerzpunkt liegen. „Der Körper arbeitet in Ketten. Eine Spannung im Hüftbeuger oder im Gesäß kann Beschwerden auslösen, die fälschlicherweise dem Gelenk zugeschrieben werden.“Durch gezielte manuelle Reize, Druckpunkte und Bewegungstests werde versucht, diese Spannungen zu reduzieren. „Oft erleben Menschen schon während der Behandlung, dass sich etwas verändert – nicht spektakulär, aber spürbar.“
Er spricht ruhig, ohne große Gesten. „Mir ist wichtig, dass niemand das Gefühl hat, etwas aushalten zu müssen. Therapie darf fordern, aber sie soll nicht überfordern.“
Wenn Operationen im Raum stehen
Viele Menschen kommen erst, wenn bereits über eine Hüft-OP gesprochen wurde. Wie gehen Sie damit um?
Zühlke wägt seine Worte. „Ich bewerte keine ärztlichen Empfehlungen. Aber ich sehe häufig, dass funktionelle Ursachen noch nicht ausreichend betrachtet wurden.“Er berichtet von Menschen, die mit der festen Erwartung kommen, dass eine Operation unausweichlich sei. „Und manchmal zeigt sich, dass durch den Abbau von Überspannungen und eine veränderte Belastung plötzlich wieder Spielraum entsteht. Nicht immer – aber öfter, als viele denken.“
Der Fokus liege dann auf Entlastung, Beweglichkeit und dem Wiedergewinnen von Vertrauen in den eigenen Körper. „Wenn jemand am Ende sagt: Ich kann wieder gehen, schlafen, meinen Alltag gestalten – dann ist das ein großer Schritt.“
Nächtliche Schmerzen – ein sensibles Thema
Ein häufiges Gesprächsthema sind nächtliche Hüftschmerzen. „Schlaf ist ein empfindlicher Indikator“, sagt Zühlke. „Wenn Menschen nachts keine Position mehr finden, zehrt das. Gleichzeitig ist ausreichender und erholsamer Schlaf die wichtigste Quelle unserer Gesundheit.“Auch hier spielen fasziale Spannungen eine zentrale Rolle. „Der Körper kommt zur Ruhe, Spannungen werden deutlicher wahrgenommen. Der Schlaf wird besser, Entzündungen gehen zurück. Kleine Veränderungen können hier oft große Wirkung haben.“
Wenn Menschen sich wieder ernst genommen fühlen
Viele finden den Weg in die Praxis nicht sofort. Sie lesen, beobachten, überlegen. Manche melden sich erst, wenn sie merken, dass sie sich in den Beschreibungen wiederfinden.„Oft höre ich den Satz: Ich hatte das Gefühl, hier versteht jemand, wie es mir geht“, sagt Zühlke. „Dann weiß ich: Wir können gemeinsam arbeiten.“

